Menu
Menü
X

Erik Flügge

Thesen für einen mutigen Protestantismus

Erik Flügge hält den Bierdeckel der Impulspost 2016 in der Hand

Erik Flügge findet die Thesen auf dem Bierdeckel zu zahm. "Mehr Provokation" rät er dem Protestantismus.

Wie sieht die Zukunft der Evangelischen Kirche aus? Bis 2060 soll sich die Zahl der Mitglieder halbieren, prognostiziert die Studie „Kirche im Umbruch“. Nun sucht die Kirche nach Auswegen - auch auf dem Kirchentag in Dortmund. Doch was glauben evangelische Christen? Diese Frage kommt auf dem Kirchentag zu kurz, sagt der Politikwissenschaftler und Autor Erik Flügge. Wir haben ihn am Rande des Kirchentags getroffen.

„Ich glaube, der Kern einer christlichen Kirche ist die Osterbotschaft und die Hoffnung, die sich in dieser Botschaft begründet.“ Für den Autor und Katholiken Erik Flügge ist klar, der Evangelischen Kirche fehlt es an Profil: „Man kann noch so viel über wichtige Fragen, wie Ethik oder fairen Handel reden, aber die Frage, die der Protestantismus klären muss, ist: Was glauben wir?“ Erik Flügge geht in seinem neuen Buch „Nicht heulen, sondern handeln“ mit der Evangelischen Kirche scharf ins Gericht – auf dem Kirchentag in Dortmund erntet er dafür viel Beifall. „Der Mittelpunkt der Evangelischen Kirche kann nicht der Kampf gegen den Klimawandel sein, sondern muss Glaube sein,“ sagt Flügge. Die Evangelische Kirche werde oft als politischer Akteur wahrgenommen, die Menschen würden sich dann aber lieber für einen wirklichen politischen Akteur entscheiden.

Besonders deutlich kritisiert der 33-jährige Erik Flügge den sonntäglichen Gottesdienst in der Evangelischen Kirche: Flügge rechnet vor, dass nur rund drei Prozent der evangelischen Christen am Sonntag in die Kirche gehen. Dennoch führe die Kirche heftige Diskussionen über den Gottesdienst, zum Beispiel ob er konservativer, traditioneller oder liberaler sein müsse, ob mit oder ohne Band – ohne dass überlegt werde, dass das Ergebnis dieser Diskussion „nur der kleine Club mitbekommt, der sonntags in den Gottesdienst kommt“. „Befreit den Gottesdienst“ – fordert Flügge deshalb, „vielleicht wäre es klug, nicht jeden Sonntag Gottesdienst zu feiern und dabei nur eine gewisse Mittelmäßigkeit zu erreichen.“ Flügge empfiehlt der Kirche ganz auf die großen Feiertage mit ihren Festgottesdiensten zu setzen oder auf zentrale Orte, an denen sonntags Gottesdienst gefeiert würde. Pfarrerinnen und Pfarrer könnten in der so frei gewordenen Zeit noch besser für ihre Gemeinde da sein und zu Seelsorgern im Alltag der Menschen werden.

Auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag dagegen gibt es besondere Gottesdienste in Hülle und Fülle. Viele davon kommen gerade bei den jungen Menschen gut an: „Hier ist der Gottesdienst abwechslungsreich, es ist super gestaltet, man fühlt sich angesprochen, man kann mitmachen,“ schwärmt zum Beispiel die 19-jährige Elisabeth. Zu Hause sei bei ihr dann aber alles wieder wie immer, „der Alltagsgottesdienst, der immer nach dem gleichen Schema abläuft, wo man hinten in der letzten Reihe sitzt.“ 

Kirchentag: Die „Gemeinschaft der drei Prozent“

Den Kirchentag mit seinen Foren zu Politik und Gesellschaft sowie die gut besuchten Bibelarbeiten mit Gesprächen über den Glauben findet auch der Politikwissenschaftler Erik Flügge spannend. Kritik übt Flügge aber an der medialen Kommunikation des Kirchentags: Die Auftritte der Spitzenpolitiker würden in den Vordergrund gestellt, dies sei aber nicht das strategische Interesse des Kirchentags. „Aus Sicht der Evangelischen Kirche müssten die Glaubensfragen im Mittelpunkt stehen, es wäre doch spannend, mit der Bundeskanzlerin über Glaube zu diskutieren und nicht über Politik.“ – argumentiert der Politikwissenschaftler. Dennoch sei das Design des Kirchentags mit seinen rund 2500 Veranstaltungen erstmal richtig. Aus den unterschiedlichsten Gemeinden kommen viele Menschen und erleben, wie großartig es ist, auf dem Kirchentag in Gemeinschaft zu feiern. Aber es sei eben nur „die Gemeinschaft der drei Prozent“, die sonntags sowieso den Gottesdienst besucht, schränkt Flügge ein. 

Kirchen können ihre Mitgliedszahlen selbst beeinflussen

Die Studie „Kirche im Umbruch“, die Anfang Mai von der Albert-Ludwig-Universität Freiburg veröffentlicht wurde, prognostiziert den Kirchen in Deutschland eine Halbierung ihrer Mitgliedszahlen bis zum Jahr 2060. „Es ist einfach wahr, dass wenn zwei evangelische Eltern ein Kind bekommen, nicht alle Eltern dieses Kind taufen lassen,“ beschreibt der Autor und Katholik Erik Flügge die Herausforderung, denn „die Evangelische Kirche wird kleiner sein.“ 

Die Kirchen können zwar keinen Einfluss auf die demographische Entwicklung ihrer Mitgliedszahlen nehmen, aber dennoch gebe es Möglichkeiten, etwas zu ändern, erklärt Professor Dr. Bernd Raffelhüschen, der die Studie „Kirche im Umbruch“ geleitet hat: „Zwei Drittel des Mitgliederrückgangs werden durch Faktoren bestimmt, die beeinflussbar sind“, sagt er und weist damit ebenso wie Flügge auf Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern hin, das einen großen Einfluss auf die Mitgliederentwicklung habe. 

Kirchenpräsident Volker Jung machen zudem die besonders hohen Austrittszahlen im Rhein-Main-Gebiet Sorge: „Hier könnten die finanziellen Belastungen junger Leute eine Rolle spielen. Auch eine junge Ärztin oder ein junger Arzt muss sich Gedanken um die steigenden Mieten machen. Ich nehme an, dass in dieser Lebensphase das Thema Kirchensteuer bei den Abwägungsprozessen eine größere Rolle spielt.“ 

Kontaktarbeit als Schlüssel für die Kirche der Zukunft

Der Autor Erik Flügge empfiehlt den Gemeinden eine stärkere Kontaktarbeit. Die Besucher des Kirchentags in Dortmund sollten gerade in ihren Gemeinden zu Hause aktiv werden und auf Menschen zugehen, die sonntags nicht durch den Gottesdienst erreicht würden. Viele aus der Kirche Ausgetretene beklagten, dass sie seit Jahren nichts von ihrer Kirche gehört hätten, so Flügge – sobald diese Menschen dann sehen, wie viel Geld sie für die Kirche bezahlen, sei die Entscheidung auszutreten schnell gefasst. 

„Deshalb ist der Schlüssel eben nicht die Diskussion über liberal oder konservativ oder eine Diskussion über die Kirchensteuer,“ fasst Flügge zusammen, sondern „der Schlüssel ist, über Kontaktarbeit zu reden.“ Wichtig sei, diese Kontakte ein Leben lang zu halten. Die Menschen wechseln heute öfter den Beruf als früher, sie ziehen viel häufiger um: „Ich könnte ja sagen, ich lerne an irgendeinem Ort einen Menschen als Evangelische Kirche kennen und sorge dafür, dass dieser Kontakt hält. Im Zeitalter von WhatsApp oder Twitter sollte das ja möglich sein“, ergänzt Flügge augenzwinkernd. Er fordert deshalb auf zu überlegen, wie eine Kirche funktioniert, die eben nicht territorial, sondern in fortgeschriebenen Beziehungen denkt.

Der Besuch im klassischen Sonntagsgottesdienst geht auch in der EKHN zurück

Ähnliche Erfahrungen macht die EKHN auch bei ihren regelmäßigen Visitationen von Kirchengemeinden: „Das so genannte Gemeindehausleben baut sich ab,“ heißt es im Bericht, der der Synode in diesem Frühjahr vorgelegt worden ist. Zudem nehme die Zahl der sich regelmäßig treffenden Gruppen und Kreise ab, heißt es im Visitationsbericht. Die Zahl der Angebote, die die Kirche in der Vergangenheit gemacht hat, nimmt also ab, sie werden nicht mehr in gleichem Maße wie früher nachgefragt. Auch der Besuch im klassischen Sonntagsgottesdienst geht in vielen Gemeinden und insgesamt in der EKHN merklich zurück. Flügge scheint mit seiner Analyse also richtig zu liegen.

Auch viele Kirchengemeinden in der EKHN ziehen deshalb Konsequenzen, wie sie auch Erik Flügge vorschlägt: Einige Kirchengemeinden verließen zunehmend ihr Gemeindehaus und suchten sich Partner, um mitten im gesellschaftlichen Leben – sei es mit einer Veranstaltung oder mit einem Projekt – präsent zu sein, konstatiert die Kirchenleitung in ihrem Gemeinde-Visitationsbericht und weiter heißt es: „Vielerorts entstehen besondere Gottesdienste zu den unterschiedlichsten Anlässen, die auf breiter Basis mit gesellschaftlichen Gruppen gefeiert werden.“ Damit entsteht auch eine neue Kontakt- und Beziehungsarbeit, denn oft würden im Rahmen solcher besonderen Aktivitäten Menschen gewonnen, die sich gerne für das Gelingen der Veranstaltungen auf Zeit engagieren. 

Zurück auf Los

So geht es auch der 15-jährigen Merle, die gerne in ihrer Kirchengemeinde zu Hause mitarbeitet, aber sie übt auf dem Kirchentag in Dortmund auch Kritik: „Ich denke, dass man uns auch ein bisschen mehr Respekt gegenüber schenken und auch ein bisschen das Gefühl geben könnte, dass wir wichtig sind.“ Oft fühle sich Merle von den Erwachsenen nicht ernst genommen.

„Zurück auf Los“, ruft Erik Flügge deshalb der Evangelischen Kirche zu. Der Zweck als Kirche sei es doch, den Menschen die frohe Botschaft zu bringen und Gemeinschaft herzustellen. Sie sollten das Gemeindehaus verlassen und es nicht bei einfachen Angeboten belassen, sondern loslaufen und auf die Menschen zugehen. Und weiter: „Wenn von 100 nur 3 Menschen in den Gottesdienst kommen, dann ist diese Gemeinschaft eine Lüge,“ spitzt Flügge zu, denn die Gemeinschaft der Kirche sei eben größer.

Nicht heulen, sondern handeln – diesen Titel seines aktuellen Buches möchte Erik Flügge wörtlich genommen wissen und lädt zu einem Perspektivwechsel ein: „Man stelle sich doch mal Kirche aus der Sicht eines Weihnachtschristen vor, der nur Weihnachten einmal im Jahr einen Gottesdienst besucht.“ – schlägt Flügge vor. Dieser Weihnachtschrist erlebe stets eine rappelvolle Kirche. „Aber wenn wir nicht das ganze Jahr über jammern würden, dass die Kirche sonst leer ist, dann würden die Weihnachtschristen gar nicht davon erfahren, dass die Kirche sonst leer ist, denn sie sind ja gar nicht da.“


top